Bemerkungen zu roten Fäden in Lebenswerken

Alexander Zock bat mich, einen kleinen Text zu verfassen, der Auskunft über das gibt, was man den ‚roten Faden‘ in meinem Werk nennen könnte. In einem ersten, leicht grausigen Moment hatte ich das Gefühl, Alt-Europa habe an meine Tür gepocht; dann wurde mir klar, daß Alexander eine Fangfrage gestellt hatte: Wie zieht sich jemand aus der Affaire, der genau weiß, daß der rote Faden eines Werkes eine nachträgliche Konstruktion ist – durch jeden Beobachter, der Lust und Zeit dazu hat?

Aber schlimmer noch: Was soll das sein, dieses eine Werk und seine Einheit? – Sicher findet man meine Texte in meinem Schriftenverzeichnis, vertäut an meinem Eigennamen, um es mit Walter Benjamin zu sagen, aber dieses Verzeichnis ist schlicht eine Liste, einem Einkaufszettel vergleichbar. Und in der Moderne ist das Problem mehr als bekannt, daß man nicht sicher sein kann, wer all diese ‚Sachen‘ geschrieben hat: Ich? Es? Wenn ich zu mir sage, Du hast sie selbst geschrieben, wer ist dann dieses DU? Ich? Mein psychisches System? Und wieso ‚meins‘? Nicht ein Wort stammt von mir. Und meine Gedanken kann man auf dem Papier nicht sehen. Ich sehe sie ja selbst nicht.

Systemtheoretisch gesehen, liegen die Dinge wie immer einfacher. Ein Buch ist eine Kompaktkommunikation, aber da man Kommunikationen nicht wahrnehmen kann, müssen sie nach Luhmanns berühmter Metapher ausgeflaggt werden als Handlungen: als Taten von Tätern. Also: Er hat diese oder jene Texte geschrieben. Damit wird die dazu passende (alteuropäische) Semantik angeworfen: Was hat er damit sagen wollen? Was hat er nicht sagen wollen, aber dennoch gesagt? Welche offenen, welche verborgenen Motive haben ihn bewegt? Und gibt es den einen, den roten Faden im Webewerk der Texte?

Ich denke (so für mich), man käme entschieden weiter, und zwar auch in den einschlägigen Wissenschaften, wenn man umschalten würde auf Texte als Kompaktkommunikationen. Man müßte sich dann nicht verheddern in roten oder andersfarbigen Fäden.

Habe ich nun doch etwas verraten über einen roten Faden? Nicht wirklich, nur, daß ich es liebe und für wichtig halte, auf plausible Fragen nicht plausibel zu antworten.

Roter Faden