Peter Fuchs

Ich wurde im Mai 1949 geboren, am 17.5., mithin am Geburtstag meines Vaters, was im Blick auf die Feier meines Wiegenfestes in späteren Jahren nicht immer so prickelnd war. Der Ort meiner Geburt war Dinkelsbühl, noch heute ein Ort meiner stillen Sehnsucht. Als ich sechs Jahre alt war, zogen wir in die Rußwelt des Ruhrgebietes, eine erste optische und sprachliche Differenzerfahrung. Mein Vater starb, als ich zehn war, meine Mutter war psychisch krank, es folgten für mich und meine Geschwister schwierige Jahre. Mit 15 sorgte ein mir bekannter Geistlicher dafür, daß ich in das Collegium Liborianum kam, ein katholisches Internat zu Paderborn. Es folgten wieder schwierige, aber lehrreiche Jahre, die damit endeten, daß ich zwangsweise entlassen wurde, angeblich wegen heimlichen Rauchens, tatsächlich wegen zuviel Kontakt mit Küchenmädchen in den Grabkammern des Internates. Nach dem Abitur an einem staatlichen Gymnasium in Castrop-Rauxel leistete ich meinen Zivildienst in einem Heim für ‚geistig‘ Behinderte ab (Lüdenscheid) und lernte zum ersten Mal kennen, was diesen Menschen durch unterkomplex ausgebildete Menschen angetan werden kann. Während dieser Zeit machte ich eine Ausbildung zum Heilerziehungspfleger und lerne die Dame kennen, die heute noch die meines Herzens ist. Daraus resultierte, daß ich nicht studierte, sondern weiter mit behinderten Menschen arbeitete – in verschiedenen Einrichtungen, in dieser Zeit beglückt bzw. auch strapaziert durch eine ständig wachsende Anzahl von Kindern, neun schließlich an der Zahl, heute dann erweitert durch 14 oder 15 Enkel. Geistig blieb ich nicht untätig, ich hatte immer ein Arbeitszimmer, in dem ich las, schrieb, malte etc. Als ich 35 wurde, hatte ich den Kanal, volkstümlich gesprochen, voll. Ich besprach mich mit meinem Weibe, es stimmte zu, ich kündigte und ging studieren. Nach ein paar Wochen an der FernUniversität stieß ich auf Texte von Luhmann, ärgerte mich maßlos, marschierte nach Bielefeld, besuchte seine Veranstaltungen, konvertierte, hielt im ersten Semester ein Referat bei ihm über das Schweigen der Mönche (Luhmann reichte es bei der Zeitschrift für Soziologie ein, es wurde publiziert). Im zweiten Semester referierte ich über Moderne Lyrik. Danach bot mir Luhmann an, mit ihm gemeinsam das Buch ‚Reden und Schweigen‘ zu verfassen. Damit waren viele Wege geebnet. Später promovierte ich in Gießen. Als einmal meine Galle operiert werden mußte, las ich die Stellenanzeige der Fachhochschule Neubrandenburg, die eine Professur für Allgemeine Soziologie und Soziologie der Behinderung ausgeschrieben hatte. Ich bewarb mich, ich sang vor, ich bekam den Job, ich war glücklich. Alles, was folgte, dürfte bekannt sein. Ich selbst denke, daß dieser ‚krumme‘ Lebenslauf die beste Voraussetzung für mich war, nicht in der Welt der Hochabstraktionen, die ich beherrsche, aufzugehen, sondern den Bodenkontakt zu halten. Das gelingt in Sonderheit, wenn Humor beigefügt ist, also ‚humilitas‘, Feuchtigkeit, mit der zu fordernde Ernsthaftigkeit jederzeit ein wenig in´s Rutschen gebracht werden kann. Das verhindert unter anderem: Dogmatik.

Peter Fuchs