Erschienen in: Soziale Systeme 6, H.2, 2000, S.349-368

Form und Funktion von Beratung

Von Peter Fuchs und Enrico Mahler

Die moderne Gesellschaft erzeugt in einem hohen Masse das Phänomen der Beratung. Zumindest in den Kern- und Schlüsselzonen funktionaler Differenzierung wird kaum jemand den Beratungsangeboten entkommen, die von Ernährungs- und Gesundheitsberatung über Klimakteriumsproblemberatung für Männer in den Endvierzigern, von Ehe- über Partnerschaftsberatung bis hin zu Unternehmens- und Politikberatung reichen und insofern längst reflexiv geworden sind, als die Beratung ihrerseits beraten werden kann durch eigens dafür installierte Beraterberatungen.[1] Bereiche des Helfens und des Heilens (Soziale Arbeit etwa oder systemisch inspirierte Familientherapie) definieren ihre Tätigkeiten seit einiger Zeit als Beraten und scheinen damit, wenn man auf einschlägige Studiengänge und deren Ausstattung mit Lehrgebieten achtet, nicht gerade wenig Erfolg zu haben.[2] Unter diesen Bedingungen läßt sich die moderne Gesellschaft, wenn man auf summarische Kennzeichnungen Wert legt, als Beratungsgesellschaft beschreiben (Fuchs 1994a). Es könnte angesichts dieser Lage aber auch nützlich sein, die Frage zu stellen, was durch Beratung unterschieden wird und wovon sie sich unterscheidet. Wir fragen damit nach der Form der Beratung. Die Annahme lautet, dass diese Form sich als ein zeitbasiertes Schema dem Medium der Kommunikation einschreibt und unter bestimmten sozialen Voraussetzungen doppelt plausibel wird: als anschlussfähige Kommunikation eines Aufschubs und als Option für Leute und Organisationen.[3] Der Grund dafür ist aber nicht unbedingt, dass Beratung als Beratung funktioniert.

I.

Was im Moment unterschieden ist, wenn man Beratung, beraten, raten bezeichnet, liegt auf der Hand: nämlich Rat und Tat. Wenn man jemandem mit Rat und Tat zur Seite steht, ist man zwar hilfreich auf zweierlei Weise, aber was der Rat und seine begrifflichen Anverwandten meinen, kann offensichtlich nicht verstanden werden, wenn nicht jeweils die Tat (eine Handlung) mitgedacht wird, die Beratene dem, wozu geraten wurde, folgen läßt oder nicht. In die Geschichte des Wortes selbst sind deutlich Hinweise eingebaut, die besagen, dass bei raten, Rat eine andere Form des Umgangs mit Zeit impliziert ist als bei Tat. Es geht nicht um einen Vollzug oder eine Aktion, sondern um einen Aufschub, wie er sich noch in Vorrat, um ein Überbleiben und Nachtragen, wie es sich in Unrat findet, vor allem aber und immer um ein Reden, Sagen, Räsonieren, in unserer Terminologie: um eine Form der Kommunikation, die auf die Gedeihlichkeit von Tatfolgen, also auf etwas Positives (und sei es nur auf die Vermeidung des Negativen) hin ausgelegt ist.[4]

Nicht von ungefähr zeigt sich in der antiken Leitsemantik Europas eben diese Unterscheidung (Kemper 1960; Buchheim/Kersting 1992). Rat und Tat wirken als antithetische Figuren. So erwerben die Helden bei Homer ihren Ruhm doppelt: durch erfolgreiches Handeln (ihre Taten) und durch klugen Rat (boulé).[5] Das Ideal, in der Schlacht und in der Beratung der Erste zu sein, bezieht sich dann auf die erwachsenen (sozusagen bärtigen) Helden, die noch die Taten tun können, zu denen sie raten, und auf die erfahrungsreichen Alten. Der Jüngling löst dagegen Überraschung aus, wenn er beginnt, zu etwas zu raten, und wenn der Rat auch noch klug ist, wird die Differenz zwischen jugendlichem Alter und Klugheit des Ratens begründungsbedürftig.[6]

Der Wert des Rates wie der Wert der Tat beziehen sich auf eine bedeutende griechische Referenz: Am Nutzen für die Polis erweist sich, ob Rat und Tat ehrwürdig sind oder nicht. Es gibt jedoch eine kleine, aber instruktive negative Auslenkung hinsichtlich des Rates, denn er ist nur gesprochen, er hat nur ein kommunikatives Fundament, so dass gegenüber der Ausmalung nur möglicher Taten wirkliche Taten notwendig sind, die auf andere Weise als gesprochene (und dann auch: geschriebene) Worte wahrgenommen werden können. Zum Abgleich des Möglichen und des Wirklichen wird die Vergangenheit beansprucht. Das kommunikative Fundament des Rates ist die Berufung auf Regeln, die sich in der Vergangenheit schon an Taten bewährt haben. Eben deshalb bedarf das Raten eines Gedächtnisses, das weiter zurückreicht als das eines jungen Menschen.[7]

Bei alledem geht es selbstverständlich nicht nur um den Rat, der erfolgreiche Taten in Schlachten ermöglicht. Im Zentrum steht (wenn wir hier knapp argumentieren dürfen) ein erfolgreiches, glückendes Leben, dessen Bedingung gleichsam das Einrangieren in eine besondere Richtigkeit ist. Wohlberatenheit (euboulía) ist das Resultat einer richtigen Reflexion, die Nutzen, Ziel, Zeit und den Modus darauf eingestellter Handlungen berücksichtigt.[8] Die Wahl der passenden Handlung seligiert unter den möglichen diejenige, die der inneren Ordnung der Dinge entspricht.[9] Die Handlung muss angemessen sein.[10] Sie kann nur dann harmonisch sein, wenn die innere und äussere Ordnung der Welt (des kósmos) zusammenstimmen.[11] Es gibt also perfekte (passende) und weniger perfekte Handlungen. Erst die perfekten Handlungen versprechen perfekten Erfolg. Wohlberatenheit ist im übrigen schon deshalb erforderlich und umso zwingender, als auch die Götter handeln, mit deren Ratschluss man besser im Konsens lebt.[12] Wichtig ist (und nur das wollen wir hier fixieren), dass der Zusammenhang von Rat und Tat die Idee einer möglichen Richtigkeit von Taten voraussetzt, durch die sich der Rat post festum als nicht kontingent erweist. Diese Idee bezeichnet also einen Zusammenhang (und eine Ambiguität) zwischen Kontingenz (mögliche Richtigkeit) und Determination (Richtigkeit), dem wir später erneut begegnen werden.

Der Zusammenhang von Notwendigkeit und Möglichkeit bleibt in modifizierter Form erhalten im Ausklang der Antike und im Übergang zur christlich interpretierten Weltordnung. Zwar verliert sich mehr und mehr das Konzept einer immanenten (weltlichen) Wohlberatenheit, aber die Patristik formuliert in stoischer Tradition, wenn sie offica perfecta und officia media unterscheidet, damit den Perfektionsgedanken übernimmt, ihn jetzt hingegen abkoppelt von der mundanen Erfahrung weiser Männer (also von Erfahrung) und bindet an die Märtyrer und Heiligen, denen das, was richtig ist (was zur Ordnung der Welt passt), zustösst: als göttliche Offenbarung. Da die Quelle des Ratsamen (die metaphysische Instanz) sich der Schrift bedient, gibt es auch Möglichkeiten für die religiösen Nicht-Virtuosen, der Heiligen Schrift guten (und von einschlägigen Experten interpretierten bzw. fixierten) Rat zu entnehmen.[13]

Neben den praecepta, den Geboten (einer Richtigkeit), deren Nichtbefolgen Sünde wäre, haben jene Nicht-Virtuosen die Chance und gerade nicht die Pflicht, die Anratungen (nur möglicher Richtigkeit), die consilia zu beachten. In ihnen manifestiert sich ein Überbietungsprinzip, die berühmten opera supererogationis, die Mehrleistungswerke gleichsam, mit denen die Aussichten auf das jenseitige Heil entschieden verbessert werden können.[14] Wichtig ist immerhin (und das führt über die hier anstehenden Überlegungen hinaus), dass in der Unterscheidung praecepta/consilia die Freiheit des Individuums scharf akzentuiert wird. Es ist ihm anheimgestellt, ob und wie es sich an den consilia orientiert, ob und wie es sie realisiert.[15] In der rechten Seite jener Differenz liegen entschieden höhere Freiheitsgrade als in der linken, in der Devianz furchtbare Folgen haben könnte. Demgegenüber kann man, man muss aber nicht sich den Anratungen unterziehen. Dieses Freiheitsmoment wird schliesslich bis in die Beratungstheorien der Gegenwart transportiert: Beraten werden kann nur, wer abweichende Optionen wahrnehmen könnte und für sich selbst noch Freiheitsgrade sieht.[16] Ausgeschlossen ist, dass es in der Beratung zu einem Oktroi von Handlungsanweisungen kommt.[17]

Später formuliert die Patristik ihre Anratungen als Evangelische Räte (Armut, Keuschheit, Gehorsam), in denen weltliche Erfolgsstandards negiert werden. Es geht anders als in der Antike nicht mehr um ein hienieden glückendes Leben, sondern um Glück-im-Aufschub, um die zu erwartende jenseitige Glückseligkeit. Jene Räte erfordern zu ihrer Realisierung monastische Sonderkontexte, können aber auch (wenn auch nicht alle zugleich) im Leben jenseits der Klostermauern (extra muros) verwirklicht werden. Dass die Anratungen und Räte tatsächlich die Form des Rates haben, zeigt sich daran, dass die Glückseligkeit für die nicht ausgeschlossen ist, die sich nicht daran halten. Für diejenigen, die sich die Räte haben angeraten sein lassen, gibt es nur einen Komparativ: Sie erreichen ihr Ziel „melius et expeditius“ – leichter und ungehinderter.[18] Im Grunde verschiebt sich im Gedanken des Rates die Idee der innerweltlichen Vervollkommnung hin zu einem eher (modernen) Steigerungversprechen, bezogen auf Heilstempo und Heilssicherheit.[19]

In der protestantischen Ethik wird (und erneut argumentieren wir knapp) die Möglichkeit supererogatorischen Handelns weitgehend getilgt und der Begriff der Pflicht auf alle moralisch relevanten Tatbestände ausgedehnt. Die consilia werden in praecepta (rück)überführt, die mit den Anratungen verbundenen Entscheidungsfreiheiten des Individuums wieder aufgelöst (Heyd 1982: 26). Der Pflichtbegriff wird zum Massstab moralischen Handelns. Somit verlieren die Anratungen ihren moraltheologischen Kontext – der Hintergrund des Rates wird gleichsam wie auf einer Bühne gedreht und erscheint jetzt: als Rationalität.[20]

Man wird nicht ganz fehlgehen, wenn man jene Bühnenbewegung historisch an die Diversifizierung theologisch abgesicherter Weltentwürfe, also letztlich an die Reformationsbewegungen bindet und soziologisch an den Transit der gesellschaftlichen Differenzierungstypik von Stratifikation zur funktionalen Differenzierung.[21] Die Einheit der Weltbeobachtung, die es erlaubte, den Sinn des Handelns zu bestimmen als einem Kosmos, dem Universum oder einer Welt Gottes angemessen, gerät stark unter Druck, wenn deutlich wird, dass verschiedene Beobachter (die katholische Kirche, die protestantischen Kirchen, und mehr und mehr: Wissenschaft) verschieden beobachten, und zwar so verschieden beobachten, dass es keinen Letzthorizont aller Beobachter gibt, keinen transzendentalen Horizont von Richtigkeit oder Gültigkeit des Handelns, der nicht von irgendwoher bestritten werden könnte. Der Qualifizierung einer Handlung durch die Beobachtungen eines extern abgesicherten Beobachters entschwindet jegliche (göttliche oder von Gott her sich ableitende) Autorität.

Es liegt nahe, dass unter diesen gleichsam sozial ablaufenden Dekonstruktionsprozessen die Diagnose angemessen/unangemessen oder richtig/falsch im Binnenhorizont der Gesellschaft ermittelt werden muss. Der Bezugspunkt der Diagnosen wird von aussen nach innen verlegt, die Bewertungskriterien stellen sich von „Qualität auf Leistung“ um (Luhmann 1980, S.99). Über richtig oder falsch entscheidet mehr und mehr die Öffentliche Meinung. Handlungen selbstreferentiell angesetzter Selbste (Subjekte, Gemeinschaften etc.) werden nicht mehr bemessen an einem externen Qualifikator, sondern anhand der Auswahlgesichtspunkte, die sie sich selbst als Ziele definieren. Es geht letztlich um die Ausmerzung kontraproduktiven Handelns unter dem Druck zahlloser Alternativen und nicht mehr um eine Ausrichtung an der Richtschnur einer vorausgesetzten Welt. Die Auswahl selbst zielt auf Leistungsfähigkeit unter der Bedingung gesteigerter Binnenkomplexität der Gesellschaft, also unter der Bedingung zunehmender (und registrierter) Unsicherheit. Sie bedarf aber gerade wegen dieser Unsicherheit, die sich aus dem Verlust einer massgebenden Weltordnung speist, der Hilfe.[22] So gesehen ist es kein Zufall, dass sich seit dem 18. Jahrhundert ein Boom der Beratungsliteratur verzeichnen lässt, der bis heute, wie man in Bahnhofsbuchhandlungen leicht beobachten kann, nicht storniert werden konnte.[23]

Wir entnehmen dieser gedrängten Skizze jedoch nur, dass Beratung seit der Antike als Mechanismus der Unsicherheitsabsorption aufgefasst wird, sei es im Blick darauf, dass ohne die Tugend der Wohlberatenheit nicht sicher ist, mit welchen Mitteln der Zustand des irdischen Glücks erzielt werden kann, sei es, dass man nicht sicher sein kann, ob das Heil der Seele ohne angeratene, supererogatorische Werke, mithin ohne Umwege und allein durch die Befolgung der Gebote erreicht wird, sei es schliesslich, dass die externen Ordnungsgarantien der Welt kollabieren und alle Beobachtungsoptionen in der modernen Gesellschaft kontingent werden. Wir entnehmen dieser Skizze auch, dass die einschlägige Semantik durchgehend zwischen Rat und Tat unterscheidet, wie auch immer die Seiten der Unterscheidung historisch konditioniert werden. Nimmt man die Rat/Tat-Unterscheidung als diejenige Unterscheidung, die offenbar unvermeidbar und eben deshalb eine Leitunterscheidung ist, wenn Rat bezeichnet werden soll,[24] dann läßt sich mit den Mitteln der neueren soziologischen Systemtheorie ein sehr komplexes Differenzensyndrom erkennen.

II.

Die Superunterscheidung für alle Unterscheidungen dieser Art ist zunächst Kommunikation und Handlung.[25] Kommunikation wird begriffen als eine Synthese (von Information, Mitteilung und Verstehen), die sich nur selbst beobachten und über sich selbst nur in einer Zweit- und Vereinfachungsfassung verhandeln kann – was auch immer in der Wahrnehmung psychischer Systeme vorkommt. Handlung ist das Zurechnungsartefakt, durch das sich Kommunikation gleichsam zu lesen gibt, indem sie ein Mitteilungshandeln ermittelt und Mitteilungshandlungen verkettet.[26] Den psychischen, den wahrnehmenden Systemen werden dabei sprechende Körper (Leute) vorgeführt.

In diesem Sinne ist Rat, Beratung nicht einfach nur das Gegenteil von Tat, Handlung. Der Rat fällt unter den Simplifikationsaspekt von Kommunikation. Er ist von diesem Aspekt gar nicht ablösbar, weil er selbst nur als Mitteilungshandeln beobachtbar ist, unabhängig davon, wozu auf der Ebene der Fremdreferenz geraten oder wovon abgeraten wird. Rat und Tat unterscheiden sich in dieser Hinsicht nicht. Das ist auch weiter nicht verwunderlich, denn auch die Unterscheidung von Kommunikation und Handlung wird kommunikativ unterschieden, sie ist in sich selbst verschachtelt. Sie vollzieht einen kompletten re-entry in ihre linke Seite, so dass die Aussenseite, also das, was Handlung jenseits von Kommunikation anders bezeichnen könnte als die Wahrnehmung von Körperbewegungen, nahezu verschwindet, jedenfalls kaum mehr ist als ein Anlass, diesen Wiedereintritt der Unterscheidung in sich selbst vollziehbar zu machen. Legt man diese Annahme zugrunde, greift man also nicht zurück auf eine okkulte Ontologie von Handlung, wird die Frage wichtig, wie die kommunikative Unterscheidung von Rat und Tat so konditioniert wird, dass die Unterscheidung selbst plausibel bleibt, obwohl sie in die Seite der Kommunikation wiedereingetreten ist, so dass von Tat in irgendeinem transkommunikativen Verständnis nicht die Rede sein kann.

Dies geschieht (und die überkommene Semantik belegt das) zunächst durch den Einbau von Zeit. Auf der Seite des Rates wird das Motiv des Aufschubs, der Verzögerung durchgehalten im Blick auf eine Zukunft, in der in bestimmten Hinsichten eine Palette von Handlungsmöglichkeiten enthalten ist. Das erfordert eine (riskante) Auswahl, die eben durch das Begehren nach und Gewähren von Rat aufgeschoben wird.[27] Ein zentrales Moment der Form Beratung ist also die Verhinderung einer riskanten Auswahl in der je laufenden Aktualität.[28] Dieser Aufschub wird (wenn es um mehr als um alltägliche Ratschläge, also um mehr oder weniger stark institutionalisierte Beratungskontexte geht) sozial plausibilisiert durch die selektive Aktivierung von Gedächtnis. Die Vergangenheit wird doppelt in Anspruch genommen: als selektiv erinnerte Faktenreihe zusammen mit einer, wie man sagen könnte, retroaktiven Modalisierung derselben Faktenreihe.[29] Es wird festgelegt, was einst gut ging (gegen das, was hätte schlecht gehen können) und was einst schlecht ging (gegen das, was hätte gut gehen können). Dabei wird ein Beobachter konstruiert (der Beratende), der diese Differenzen hatte sehen können, und der daraus seine Schlüsse gezogen, also Erfahrung kondensiert hat.

Die Form des Rates hat es demnach mit einer mindestens doppelten (beobachtungstechnisch gewonnenen) Modalisierung zu tun. Die Zukunft wird behandelt als etwas, in dem Mögliches residiert, das wirklich werden könnte oder auch nicht; die Vergangenheit wird behandelt als etwas, in dem Mögliches residierte, von dem etwas wirklich geworden ist, obwohl es nicht hätte wirklich werden müssen. Die soziale Möglichkeit des Aufschubs durch Beratung profitiert von diesen (in der Sinnform angelegten) Modalisierungen. Beratung nimmt die Form des Intermezzos an, eines Einschubes oder Zwischenspieles, mit dem (auch das liegt an jener Modalisierung) spätere erfolgreiche Auswahlen weder garantiert noch ausgeschlossen werden. Der Erfolg wird in der Steigerung von Wahrscheinlichkeiten des Glückens gesehen (im Sinne des amerikanisch verstandenen Aquinaten: „melius et expeditius“), Misserfolg kann wieder in die retroaktive Modalisierung der Vergangenheit verlegt werden: Der Beratene (der Klient) hat etwas anderes getan, als ihm in einer ratsamen Möglichkeit des Tuns nahegelegt wurde bzw. in einer bestimmten Situation zumindest nahegelegen hätte.

Der entscheidende und zunächst überraschende Punkt ist, dass die Tat in diesem hoch komplexen Spiel kommunikativ nur als Thematisierung der Tatsächlichkeit zukünftiger Auwahlen bzw. vergangener Auswahlen vorkommt.[30] Sie hat gar keine Faktizität im Horizont von Beratung. Sie ist, wie man in einer beliebten Formulierung sagen könnte: durch Einschluss ausgeschlossen oder durch Ausschluss eingeschlossen. Sie macht sich sozial geltend ausschliesslich als das, was verschoben ist, wenn Beratung ins Spiel kommt. Und sie wird, das ist von zentraler Bedeutung, nur illuminiert in der Differenz von Rat und Tat. Keine Tat ist denkbar, die (sofern Beratung stattgefunden hat) noch so wie eine konstruiert werden könnte, die unberaten war. Mit der Beratung schnurrt der Bereich des zukünftig Möglichen auf eine Binarität zusammen: Entweder man hat rat-entsprechend gehandelt oder nicht.[31] Eine dritte Möglichkeit ist ausgeschlossen, denn das Ergreifen irgendeiner beliebigen Option ist Negation des ursprünglichen Rates. Man kann die Alternative nicht verwerfen (und somit durchaus von einer Beratungsfalle reden) – es sei denn: durch die Leugnung, überhaupt beraten worden zu sein. Da Beratung aber ausschliesslich sozial vorkommt, müssten schon alle Beteiligten diese Leugnung vollziehen, wenn die Rejektion der Unterscheidung, auf die Beratung die Welt zusammenzieht, gelingen soll.[32]

III.

Kurzum: Beratung ist als Form von Kommunikation nicht so weich oder brav, wie diejenigen, die zur Beratung raten, es glauben. Sie ist eine sozial ungemein harte, totalisierende Form der Kommunikation, die (wird sie erst einmal angewählt) nicht mehr aus der Welt zu schaffen ist. Wir entnehmen dieser Überlegung die Berechtigung zur Frage, ob ein so hartes und so erfolgreiches Sozialphänomen angemessen beschrieben ist, wenn man es auf der Ebene von Interaktionssystemen oder auf der Ebene von Organisationen beschreibt.[33] Fraglos haben wir es bei institutionalisierter Beratung auch mit Organisationen zu tun und natürlich auch mit Interaktion. Die These ist aber, dass die Spezifik von Beratung nicht erfasst wird, wenn man sie auf diese Systemtypen reduziert.

Deutlich erkennbar ist, dass Beratung kaum als Autopoiesis von Entscheidungen (also als Organisation) begriffen werden kann. Die Operation des Beratens verkettet nicht Entscheidungen in einem Netzwerk von Entscheidungen. Sie hat, wie wir eben diskutiert haben, die Form eines spezifischen Aufschubs, und sie erzielt ihre Bindungswirkungen nicht durch Mitgliedschaft (bzw., wenn jemand Mitglied ist, durch die Option auf eine negative Aktualisierung der Mitgliedschaftsentscheidung), sondern durch den Rekurs auf oder die Erzeugung von kommunikativen Unsicherheitslagen, wobei sie, wie wir vermuten (ohne dies hier noch thematisieren zu können), die strukturelle Kopplung mit den Massenmedien favorisiert, die alle Lebenssicherheiten in gewisser Weise dämonisieren.[34] Sie bedarf nämlich zur Stimulation von commitments der endlosen Erzeugung von Problemen, die ihre Operation (das Aufschieben) sozial plausibel machen. Sie kann sich dabei darauf stützen, dass in der modernen Gesellschaft Problemproduktion massenhaft und vor allem durch die Massenmedien betrieben wird.

Interaktion ist wie sonst in der Gesellschaft nahezu unverzichtbar, aber Beratung findet auch als Television oder audiophon oder in Büchern und neuerdings auch im World Wide Web statt, ohne dass die Operation sich wesentlich ändern würde. Der Rekurs auf Interaktion dient vermutlich dazu, Motive für Beratungssuche und Beratungsansinnen zu dramatisieren, in einigen Fällen die Abtastbarkeit des Körpers zu ermöglichen oder durch die interaktive Knappheit an Kontroll- und Reflexionsmöglichkeiten eine Dichte zu erzeugen, die es fast unmöglich macht, sich noch aus der Beratungssituation zurückzuziehen. Aber die Operation der Beratung selbst ist kommunikativ relativ frei verfügbar und offenbar nicht gebunden an eine für sie primäre Systemebene.

Diese primäre Ebene ist aber auch nicht Gesellschaft. Wäre Beratung ein Funktionssystem der Gesellschaft, müsste sie einen selbstreferentiellen Konnex mit allen in der Gesellschaft anfallenden Beratungsoperationen unterhalten (im Netzwerk solcher Operationen arbeiten), und das ist ersichtlich nicht der Fall: Beratungen im Blick auf die sinnvoll in bestimmten Landstrichen zu pflanzenden Apfelsorten schliessen sich nicht kurz mit der ökotrophologischen Beratung im Hinblick auf bestimmte Bratpfannenböden, auch nicht mit Enuresisberatung, Unternehmensberatung oder Kirchenberatung. Was man beobachten kann, ist eine gemeinsame Form (eben die oben beschriebene Operation), aber nicht eine gesellschaftsweit fungierende Autopoiesis der Beratung.

Wir schlagen deshalb vor, Beratung zu begreifen als ein Schema der Kommunikation, das in allen gesellschaftlichen Kontexten anwählbar geworden ist.[35] Damit wird Beratung dem Gedächtnis der Gesellschaft zugeordnet (der je fungierenden sozialen Topik, der je fungierenden sozialen Ontologie).[36] Das bedeutet unter anderem, dass sie als Form nicht eigens erinnert werden muss und dass sie als Form auch nicht problematisch ist.[37] Sie ist, wie man in loser Anlehnung an Heidegger sagen könnte, zuhanden, sie ist sozial evident: Man ruft den Mieterbund an, das Reisebüro, den Hörgeräteakustiker, die psychotherapeutische Praxis, die Unternehmensberatung – und die Dinge gehen ihren Gang. Es muss nicht eigens reflektiert oder thematisiert werden, dass es um Beratung geht und was das heissen könnte. Sie erscheint, wie man mit einer beobachtungstheoretischen Unterscheidung sagen könnte, natural und nicht artifiziell (Luhmann/Fuchs 1989:217). Das Schema der Beratung ist in dieser Hinsicht weitgehend rechenschaftsfrei.[38]

Als Schema (und eben nicht: als irgendwie geartetes eigenes System) steht Beratung quer zur Differenzierung der Gesellschaft und auch quer zur Ebenenunterscheidung von Interaktion, Organisation und Gesellschaft. Beratung ist immer möglich – allerdings unter einer instruktiven und unsere Grundannahmen bestätigenden Voraussetzung: Sie kann nur dann angewählt und exerziert werden, wenn sie adressable Systeme ermittelt.[39] Sie ist ausschliesslich reserviert für psychische Systeme und/oder Organisationen, weil sie die Repräsentanzen einer Einheit voraussetzt, der Selbstreferenz (also Kommunikationsfähigkeit) unterstellt werden kann. Anders könnte Beratung nicht mehr zwischen Rat und Tat unterscheiden oder noch deutlicher: zwischen Beratendem und Beratenen. Daraus folgt zwingend, dass weder die Funktionssysteme der Gesellschaft noch etwa soziale Bewegungen, geschweige denn: die Gesellschaft selbst beraten werden könnten.[40] Sie sind und bleiben ratlos, weil sie keine Adressen haben und niemals (ausser grammatisch) in die Subjekt- oder Objektstellung einrücken können.

IV.

Wir haben bislang unterschieden, was Beratung unterscheidet und wie man sich die Operation (dieses besondere Aufschieben) vorstellen kann, in der das Schema Beratung sich aktualisiert. Die Formanalyse ist aber erst dann vollständig, wenn man noch angeben kann, wovon die Unterscheidung der Beratung sich in einem genauen Sinne unterscheidet.[41]

Eine erste Vermutung geht dahin, dass das Schema der Beratung die Idee einer absolut kontingenten Welt ausschliesst. Das ist nur ein anderer Ausdruck dafür, dass sie die Idee nicht einschliessen kann, dass die Welt indifferent gegenüber Steigerungsansinnen ist. Oder – analog zu den semantischen Befunden formuliert –: Die Welt muss Anhaltspunkte (Massstäbe) für richtiges, passendes, angemessenes Verhalten bieten. Sie darf kontingent sein im Sinne von Alternativität, bezogen auf zukünftiges Handeln, sie darf aber nicht komplett kontingent (zum Beispiel chaotisch) sein im Sinne einer völligen Gleichgültigkeit dessen, was geschieht.[42] Beratung (als Schema) kann nur verstanden werden, wenn die Kontingenz sonstiger Weltverhältnisse als prinzipiell einschränkbar, regelbar, optimierbar, und eine fatalistische Welteinschätzung demgegenüber als nicht-plausibel erscheint.[43] Vielleicht kann man deshalb im Blick auf Beratung (und in Anlehnung an einen Begriff aus der Rollentheorie) von einer gepflegten Kontingenzambiguität sprechen.

Das lässt sich zuspitzen: Beratung schliesst Determination (oder Prädestination) definitiv aus und damit die Freiheit von Individuen ein. Beratung ist an das liberum arbitrium, an die klassische Wahlfreiheit geknüpft.[44] Sie benötigt damit Vorstellungen darüber, wie das Bewusstsein (bzw. Organisationen) von durchschlagenden (determinierenden) Kausalitäten abgekoppelt werden können. Sie ist notgedrungen zumindest im Blick auf das Bild vom Menschen konservativ und von eher alteuropäischem Zuschnitt. Ihre Plausibilität ist in gewisser Weise lebensweltlich, sie hängt davon ab, dass klar ist, dass Beratung sich an appellationsfähige Individuen bzw. Organisationen wendet, die über einsichtsgestützte Entscheidungsmöglichkeiten verfügen. In einer stärker systemtheoretischen Diktion gesagt: Beratung kann nicht durchgängig Verhalten auf Erleben zurechnen. Sie verschwände, wenn in der sozialen Disposition über Erleben und Handeln die rechte Seite des Schemas auf Null gestellt würde. Die Beratung fundierende Unterscheidung von Rat und Tat würde aus den Fugen gehen.

Jene Kontingenzambiguität, die verschärft begegnet im Blick auf die Freiheit von Individuen (die als Leute konzipiert sind, die Alternativität ins Spiel bringen, weil sie über Freiheit verfügen), wird ihrerseits noch einmal gebrochen. Denn die Erosion traditioneller Lebenssicherheiten und Lebensunsicherheiten[45], die für die moderne Gesellschaft als typisch erachtet wird, blockiert am Phänomen der Beratung: Es wird nicht selbst als kontingent begriffen, als anders möglich oder gar als verzichtbar aufgefaßt. Soziale und psychische Unsicherheit wird auf die Umwelt projiziert. Beratung bleibt dabei ein nicht-kontingentes Tätigkeitsfeld (Giese/Retaiski 1993:136; Frommann et al. 1976: 715f.; Nestmann 1997:16ff.; Thiersch 1991:33f.). Im naturalen Einsatz des Schemas verschwindet die Möglichkeit der Kontingenz des Schemas selbst.

Dabei gerät jedoch unvermeidbar in die Sicht, dass im Blick auf zu absorbierende Unsicherheiten Beratungsstrategien konkurrent eingesetzt werden. Es gibt verschiedene Beratungen (Berater etc.) für ähnliche Problem- oder Kontingenzlagen. Damit wird der Bedarf für Beratung, der natural bleibt, nicht infrage gestellt oder kontingent gesetzt, sondern nur beobachtbar, dass es alternative Beratungen und alternative Beratungsstrategien gibt. Man braucht dann Superberatungen, die Empfehlungen für bestimmte Beratungstypiken erteilen (zum Beispiel im Blick auf Kostengünstigkeit, Schnelligkeit, soziale Attraktivität etc.), Superberatungen, die aber ihrerseits unter denselben Konkurrenzdruck geraten. Kurzum, Beratung etabliert sich mehr und mehr marktförmig, das bedeutet aber: als ein kontingentes (für Beobachter Alternativen auswerfendes) Phänomen.[46] Jede Alternative, das ist das Paradox, bleibt aber darauf angewiesen, sich selbst als nicht kontingent darzustellen, als natural statt artifiziell.

Das erlaubt aber die Frage, wie es überhaupt zum Erfolg von Beratung in der modernen Gesellschaft kommen kann. Schliesslich ist es eine verbreitete Annahme, dass Beratung in den heutigen Ausmassen erst mit der zunehmenden sozialen Reflexion von Kontingenz im Zuge der Umstellung der Gesellschaft auf funktionale Differenzierung gedeiht. Wenn es aber ersichtlich nicht um schiere Kontingenzbewältigung geht (denn die Eigenkontingenz der Beratung wird sofort der Beobachtung durch andere Beobachtungen ausgesetzt), um was geht es dann? Welches Problem lässt sich konstruieren, im Blick auf das ein Schema wie Beratung als Lösung begriffen werden kann bzw. im Blick auf das erklärbar wird, warum das Schema gerade mit der funktionalen Differenzierung so ungemein an Attraktion zunimmt? Damit stellen wir die Frage nach der Funktion von Beratung.

Eine Antwort liesse sich möglicherweise finden, indem man ein wenig schräg denkt und die Einschätzung ausklammert, dass Beratung ihren Zweck erfüllt, wenn es jemandem nach der Beratung besser oder wenigstens nicht schlechter geht als zuvor.[47] So kurios es klingen mag, diese Ausklammerung gründet sich darauf, dass es kein Verfahren gibt (auch nicht im Methodenarsenal der Soziologie), durch die eine mögliche Welt mit einer faktischen verglichen werden könnte. Eine Ursache dafür ist, dass Möglichkeiten sich nicht ereignen können (es geschieht nur, was geschieht, und es geschieht nicht, was nicht geschieht). Möglichkeiten sind immer an die Perspektive eines Beobachters gebunden.[48] Die Was-wäre-gewesen-wenn-Frage hält sehr viel Kommunikation in Betrieb – das ist vielleicht sogar ihre Funktion – , aber sie verbietet sich logisch von selbst. Sie ist anti-historisch und anti-empirisch, insofern jede mögliche Antwort spekulativ wäre.

Man kann die Leute befragen, ob sie sich nach einer Beratung (und dem Ergreifen angeratener Optionen) besser oder wenigstens nicht schlechter gefühlt haben als vor der Beratung, und man wird Antworten bekommen, aber darunter wird keine Antwort sein, die sich darauf berufen könnte, was geschehen wäre, wenn keine Beratung stattgefunden hätte. Dies zeigt der Konjunktiv an, und dies ist eine der Rahmenbedingungen, unter denen und derentwegen über Erfolg/Misserfolg von Beratung sozial disponiert werden kann – anhand einer mehr oder minder plausiblen Zurechnung und nicht eines wie immer gearteten Wissens. Aus dem gleichen Grunde können wir auch nichts darüber sagen, ob eine Gesellschaft ohne Beratung eine bessere wäre als mit Beratung. Wenigstens dies entzieht sich dem Furor der Evaluation.

Wenn die Funktion im soziologischen Sinne aber nicht darin liegt, zu beraten oder, wie es in den geläufigen Beschreibungen heißt, auf bessere Optionen angesichts einer sich als komplex beschreibenden modernen Gesellschaft hinzuweisen, dann könnte man stattdessen auf die Operation achten, auf den oben diskutierten (doppelt modalisierenden) Aufschub, also auf diesen besonderen Umgang mit Zeit. Wenn wir zugleich davon ausgehen, dass das Beratungsphänomen als Massenphänomen eindeutig eine Anlegenheit der modernen (und modernsten) Gesellschaft ist,[49] dann wird sich jener Aufschub möglicherweise verbinden lassen mit Umstellungen in den Zeitbewandtnissen der Gesellschaft von der Prämoderne zur Moderne.

V.

Sozialsysteme sind immer temporalisierte Systeme. Sie arbeiten mit passierenden Ereignissen (Kommunikationen), und sie müssen sich deshalb darauf einstellen, dass es keine Stopp-Anweisungen gibt.[50] Das gilt auch für gleichsam in langen Wellen schwingende archaische Sozialsysteme, denen man ein zyklisches Zeitverhältnis unterstellt hat. Die Kommunikationen kommen und gehen, sie sind, wie sehr sie sich auch ähneln mögen, niemals wiederholbar. Jedes Ereignis im Netzwerk der Ereignisse, durch die sich autopoietische Systeme konstituieren, ist ein komplett neues Ereignis. Wenn man also diese basale autopoietische Zeitlichkeit noch überbieten will und von einer Zeitbeschleunigung der Moderne als einem ihrer wesentlichen Merkmale spricht, muss etwas anderes gemeint sein als einfache Temporalisierung, nämlich die Einführung einer reflexiven Temporalisierung. Temporalisierte Systeme würden, hiesse das, noch einmal temporalisiert, oder wenn man in Terms der Rekursion reden möchte: Die Operation der Temporalisierung würde auf sich selbst erneut angewandt.[51]

Das kann aber nicht bedeuten, dass Kommunikation schneller wird. Das würde schon an den fein kalibrierten Kopplungszusammenhängen zwischen Bewusstsein und Sozialsystemen scheitern. Man kann sich sicher leicht täuschen lassen dadurch, dass heute Kommunikation unter Inanspruchnahme raffinierter technischer Medien grosse Entfernungen im Nu überbrückt, aber dies besagt nichts über die Synthesegeschwindigkeit der kommunikativen Operation selbst.[52] Sie ist in einem Wohnzimmer nicht weniger rasant oder langsam als bei einem Telephongespräch zwischen Neubrandenburg und Kalkutta. Wahrscheinlich macht es auch wenig Sinn, sich gerade auf diese Geschwindigkeit zu konzentrieren, weil sie eine Nachtragsgeschwindigkeit wäre, ein Gleiten in der différance, durch das herkömmliche Zeitbegriffe gesprengt werden; aber es genügt ja, sich zu verdeutlichen, dass die entscheidenden Umweltprozesse von einer (nachgerade physischen) Langsamkeit geprägt sind, die den Verhältnissen etwa in Savannen, Wüsten, Höhlen angemessen waren. Reden, Hören, Schreiben, Lesen, Fragen und Antworten lassen sich offenbar nicht beliebig verkürzen.

Reflexive Temporalisierung (dieser Einsatz einer Technik der Verzeitlichung auf die Effekte dieses Einsatzes) kann sich folglich nur auf das beziehen, wodurch die Ereignishaftigkeit sozialer Systeme reguliert und abgefangen wird. Diese Regulationseinrichtungen nennen wir typischerweise Struktur und Prozess. Soziale Systeme ent-chaotisieren sich, sie verschaffen sich Ordnung und Trägheit (Hysteresis), indem sie eine Selektivitätsverstärkung durch Prozesse ermöglichen und/oder Kontingenzspielräume erzeugen, innerhalb derer die Ereignisse einen wiederholbaren (erkennbaren) Sinn gewinnen – das ist die Funktion von Strukturen. Reflexive Temporalisierung ist in dieser Logik dann nichts anderes als: die Verzeitlichung von Strukturen.[53] Ein einfacherer Ausdruck dafür wäre: Strukturen werden selbst – Ereignisse. Oder (wohl besser): Sie werden als komplexe Ereignisse bzw. als schnell abschliessbare Perioden beobachtbar.

Der zunächst leicht eingängige Punkt ist, wenn wir so formulieren dürfen, dass die Dauer des Auf- und Abbaus von wichtigen sozialen Strukturen in der Moderne mehr und mehr die psychisch mögliche Beobachtungszeit (Lebenszeit) von Individuen unterschreitet. Dass man etwa bei epochal bedeutungsschwangeren Ereignissen sagen kann, man sei dabei gewesen, weil von hier und heute an Neues begonnen habe, muss nicht mehr eigens und als Auszeichnung hervorgehoben werden.[54] Es ist ganz selbstverständlich, und es kann dies sein, weil weder die physische Anwesenheit (die Augenzeugenschaft) noch die intellektuelle Konstruktion einer Zeitgenossenschaft erforderlich sind, um jenes Tempo des Strukturenwechsels zu registrieren. Das besorgt ein eigenes Funktionssystem, das der Massenmedien, die ihre Aufmerksamkeit wesentlich auf Zerfall und auf Entstehung, die neuen Zerfall einleitet, somit generell auf Nachrichten über Veränderungen ausrichten.[55]

Noch schärfer: Es geht nicht nur um die Registratur, sondern um die Inszenierung von Veränderung. Die massenmediale Beobachtung der Gesellschaft[56] konstruiert die Gesellschaft als temporal turbulent, als in wesentlichen Hinsichten laufend zerfallsanfällig. Für sie sind Strukturen und Prozesse tatsächlich Ereignisse. Und da die Beobachtung der Gesellschaft nahezu monopolistisch über die Massenmedien geführt wird, können weder die psychischen Systeme der Umwelt noch Interaktionen, aber auch nicht Organisationen, den (kommunizierten) Dauerzerfall von Strukturen und Prozessen ignorieren. Eben deshalb werden Langfristperspektiven allenthalben gefordert, Dauer und Nachhaltigkeit von Entwicklungen eingeklagt, aber zugleich adaptive Schnelligkeit, kognitive und kommunikative Flexibilität als conditio sine qua non moderner Lebens- und Weltbewältigung gefeiert, kurz: das glatte Gegenteil.[57]

Die beobachtungsgebundene Verzeitlichung von Strukturen, ihre Transformation in Ereignisse und schnelle Perioden lässt einerseits erwarten, dass die psychische und soziale Disposition über Anfang und Ende von Ereignissen historisch immer stärker in den Vordergrund tritt und mit ihr diese Disponibilität selbst sichtbar wird. Das ist gleichbedeutend mit dem Verlust jeder Ontologie des Anfangs bzw. des Endes, ein Verlust und ein Problem, für das sich beliebig viele Beispiele finden lassen.[58] Anderseits (und damit zusammenhängend) werden sich evolutionäre Prozesse stabilisieren, die der Desorientierung von Beobachtern, bedingt durch reflexive Temporalisierung, mit Hilfe zeitdehnender und zeitbindender Verfahren entgegenarbeiten. Zu nennen wäre vor allem die evolutionäre Begünstigung von Demokratie, deren Funktion ja gerade darin bestehen könnte, eine Dissensproduktion zuzulassen, die hoch zeitaufwendig ist, weil ihr Verfahren zur Ermittlung von Konsens über Dissens beigeordnet sind, in denen, wie man sagen könnte, gordische Knoten entknotet statt durchschlagen werden. Auch hier ist auffallend (und für weiterführende Überlegungen anregend), dass Demokratie kein System ist, sondern wiederum und nur ein mögliches Schema politischer Kommunikation.

Ein funktionales Äquivalent für das Schema der Demokratie könnte das (mit diesem wiederum eng verbundende) Schema der Beratung sein. Dann interessierte nicht mehr das Angeratene, die Fremdreferenz, sondern nur die Form des Aufschubes selbst.[59] Das Schema der Beratung prosperiert, so lautet die These, weil es gleichsam temporale Keile in den Zug reflexiver Temporalisierung treibt. Und das ungewohnt Heitere daran ist, dass Beratung in jedem alltäglichen und institutionalisierten Verständnis auf Veränderung (von Personen oder Organisationen) hingetrimmt wird und gleichwohl im oben diskutierten Sinne von aufschiebender Wirkung ist, während sie die Tat (die Handlung, die sie auf der Seite des Rates wieder eintreten lässt), verzögert.[60]

In diesem Verständnis hat Beratung, wie man sagen könnte, sozial eine doppelte Plausibilität. Sie imponiert auf der Seite der Leute/Organisationen durch die Attraktivität ihrer jeweiligen Inhalte, fungiert aber gesellschaftlich als ein Schema der Ausbremsung reflexiver Temporalisierung. Und darin ist Beratung – in gewisser Weise – ein gnädiges Phänomen.

 

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[1] Supervision wäre ein Stichwort für diese Reflexivität. Nicht ausgeschlossen ist, dass die Berater der Berater ihrerseits beraten werden – zum Beispiel durch Systemtheoretiker, die ihrerseits ratlos zurückbleiben, weil sich niemand findet, der sie ihrerseits noch beraten könnte.[2] Vgl. dazu etwa die Effekte des Lehrbuches von Lüssi 1991 für die Professionalisierung der Sozialen Arbeit.[3] Leute in dem hoch ausbaufähigen Sinn, den Baecker (1991) diesem Wort gibt: Vielheit statt Einheit. Der Ausbau könnte in die Richtung gehen, das Wort Leute als alltäglichen (merkfähigen) Ausdruck für Mikrodiversität aufzufassen. Siehe jedenfalls May/Raybaut 1996, ferner (darauf zurückgreifend) Luhmann 1997.[4] Es trifft sich, dass auch Lesen damit zusammenhängt, deutlich noch im englischen read. Und das Lesen selber (etwa auflesen, verlesen) ist, wie im Lateinischen (und dann bei Heidegger), eine Angelegenheit des Sammelns. Eine weitere Spur ist gelegt im Kontext von Rat, Rätsel, verraten. Hier geht es ebenfalls um einen Aufschub bzw. um eine Verhinderung von Taten.[5] Boulé entspricht einem Erwägen und Mit-sich-zu-Rate-gehen. Interessant ist, dass die Antike diese Prozesse nicht auf Bewusstsein einschränkt. Der einzelne kann eine Lage erwägen, aber auch eine Versammlung von Personen, die gleich gestellt sind. Beide Beratungsweisen werden reflexiv gesetzt (jemand, etwas berät sich) – ein studierenswerter Fall einer sehr frühen Parallelisierung von Psychen und Sozialsystemen. Das Beraten eines anderen wird dagegen mit symbouléuein ausgedrückt. Dabei überbrückt das sym- die Differenz, die Asymmetrie, die sich aus der Verschiedenheit (ratfähig, ratbedürftig) der Beteiligten ergibt. Dies ist auch in der Moderne ein beobachtbares Problem (vgl. dazu Fuchs 1994b). Die Ungleichheit führt jedenfalls von der Antike an in das ethische Problem der Abhängigkeit des Beratenen vom Beratenden (Stegmaier 1993). Umkehrungen werden erst heute sichtbar (Fuchs 1999a).[6] Das scheint sich geändert zu haben. Man unterstellt zunehmend Hochintelligenz, und nur noch in Wendungen wie der vom altklugen Kinde gibt es ein fernes Echo jener Verhältnisse.[7] Erkennbar ist hier wieder das Zeitmoment, das schon in den oben skizzierten ethymologischen Befunden deutlich wurde.[8] Aristoteles, Nikomachische Ethik VI, 10, 1142 b5, b28.[9] Vergleichbares findet sich in asiatischen Religionen/Philosophien, in denen vorwiegend das Nicht-handeln, das Geschehen-lassen entscheidend ist.[10] Daraus ergibt sich später die rhetorische Kategorie des aptum/inaptum.[11] Einer der ersten grossen Ratgeber der Weltliteratur ist deshalb auch Hippokrates (1995). Hier ist genau die mögliche Stimmigkeit menschlichen Lebens im Verhältnis zum Kosmos (genauer: zur Umwelt des Menschen) postuliert.[12] Für die Weisheit einschlägiger Mythologie spricht, dass im Hintergrund die Parzen (römisch) oder die Nornen (nordisch) das Schicksal weben, spinnen, zu- und abschneiden, die allen Rat zunichte machen, ja ins Gegenteil verkehren können.[13] Derjenige, der (Latein) nicht lesen kann, also der überwiegende Teil der Bevölkerung, ist auf Bild und Ton, auf das gesprochene Wort angewiesen, in der Retrospektive einer Schriftkultur mithin benachteiligt oder, wenn man so will, seelisch beeinträchtigt.[14] In der Soziologie (soweit sie grundständig gelehrt wird) begegnen uns die opera supererogationis als sogenannte Kann-Normen.[15] Thomas von Aquin, STh, I, II, 108, 4.[16] Vgl. für die Prämisse der Freiheit etwa Dietrich 1983. Beratung arbeitet mit dieser Alternativität zwar im Schema Freiheit/Notwendigkeit auf der Seite der Freiheit und entfaltet darin ihre eigene Sicht in Form von Beobachtungen erster Ordnung, sie kann diese Unterscheidung selbst jedoch nicht erneut als Unterscheidung beobachten. Denn Beratung etabliert keine operativen Zusammenhänge, kein eigenes System, und daher läßt sie sich nicht, wie unten deutlich werden wird, als ein (Funktions-)System auffassen, das im Modus einer Beobachtung zweiter Ordnung beobachtet. Die Alternativitäten, die durch diese Beobachtungsweise sichtbar werden könnten, kommen deshalb der Beratung auch unter Marktgesichtspunkten (viele Beratungsangebote) nicht in den Blick. Vielleicht ließe sich dies als große Blindheit der Beratungsszene beschreiben, die ihre eigenen anderen Möglichkeiten gar nicht bemerkt. Das schließt aber nicht aus, daß diese alternative Szene von anderen Beobachtern in der Gesellschaft, so etwa von Klienten, durch Wirtschaft oder Wissenschaft, beobachtet wird. Siehe dazu den Aufsatz über Unternehmensberatung in Luhmann/Fuchs 1989.[17] Es geht stattdessen, wie sich weiter unten zeigen wird, um den Oktroi einer unausweichlichen Alternative.[18] Thomas von Aquin, a.a.O. In einer amerikanischen Ausgabe seiner Werke, die wir hier nach Heyd (1982) zitieren, heisst es: „more assured and expeditious“. Und Heyd interpretiert (S.20): „The New Law, however, has two aspects: as a law it prescribes the minimum required for gaining an everlasting life; but as a law of liberty it adds advice and recommendations for quick and ‚guaranteed‘ ways of securing this end.“[19] Was einmal mehr (ähnlich wie beim Zölibat, durch das sich Hierarchien von Erbämtern abkoppeln konnten) die Vorreiterrolle der katholischen Kirche im Blick auf funktionale Differenzierung bestätigt. Sie ist sozusagen ein pool gewesen für die Entwicklung von Formen, auf die die Moderne dann zugreifen konnte. Vgl. Hahn 1990, 1991; Fuchs 1992.[20] Kant wäre dafür die zu zitierende Begriffsperson. Er ordnet die Ratschläge ein in den Kontext der hypothetischen Imperative. Dabei unterscheidet er zwischen den technischen Regeln der Geschicklichkeit, die sich auf individuell unterschiedliche Absichten beziehen können, und den pragmatischen Ratschlägen der Klugheit, mit denen Handlungen empfohlen werden können, deren Ziel man gewissermassen a priori voraussetzen könne: das Ziel der Glückseligkeit.[21] Der Verweis auf Max Webers Arbeiten zur protestantischen Ethik ist hier obligatorisch (Weber 1963).[22] Dies ist eine vorläufige Formulierung. Wir thematisieren die Funktion von Beratung weiter unten.[23] Berühmtes frühes Beispiel: Freiherr von Knigge. Siehe zu einer Auswertung dieser Literatur etwa Franke 1997. Dass nun auch geselliges Betragen schwierig und beratungsbedürftig wird, ist erwartbar. Vgl. für entsprechende Bezugnahmen Kieserling 1999.[24] Es gibt noch andere, sehr ähnlich gebaute Unterscheidungen, etwa die von Warnung/Tat, in die nur auf der Seite der Warnung ein Negationsmoment eingebaut ist. Siehe etwa (mit dem Versuch, eine mehrwertige Logik zu nutzen) Clausen/Dombrowsky 1984.[25] Vgl. dazu die uns auch hier weiter orientierenden Überlegungen im Kapitel über Kommunikation in Luhmann 1984.[26] Dass dies nicht an Menschen gebunden ist, bestätigt diese Überlegungen. Vgl. Fuchs 1996.[27] Möglicherweise hat der Trojanische Krieg wegen anhaltender Beratungen zehn Jahre gedauert.[28] Deshalb macht es wenig Sinn, von einer zur Auswahl parallel arbeitenden Beratung zu sprechen. Annehmen darf man, dass es extreme Verkürzungen von Aufschüben gibt, etwa wenn ich zu bestimmten Verhandlungen einen Berater mitnehme. Aber auch dabei wird es zu kontrollierenden (aufschiebenden) Rückblicken zum Berater kommen.[29] Wir erinnern im Vorübergehn daran, dass diese retroaktive Modalisierung durch Leibniz entschiedenes philosophisches Gewicht gewonnen hat, gleichgültig, was Voltaire daran auszusetzen hatte. Vgl. jedenfalls Deleuze 1995.[30] Über diese Tatsächlichkeit kann evidenterweise nur sozial entschieden werden. Jenseits dieses Entscheidens gibt es keine sozialen Tatsachen.[31] Wobei post festum jederzeit darüber verhandelt werden kann, ob entsprechendes oder nicht entsprechendes Handeln vorgelegen hat. Die Analyse, wie darüber verhandelt wird, wie also Erfolg oder Misserfolg zugerechnet werden, eröffnet ein eigenes Forschungsfeld.[32] Das würde allenfalls in archaischen Sozialsystemen gelingen, in denen alle sich darauf verständigen und verpflichtet werden, bestimmte Personen nicht mehr zu nennen. Diese Adressen werden in einer oral konditionierten Kommunikation dann schnell und endgültig vergessen – heute würden im Spiel des Vergessens oder Leugnens auch noch Dokumente mitsprechen.[33] Wir argumentieren hier parallel zu Luhmanns (1996: 202ff.) Analyse der Protestbewegungen.[34] In diesen Tagen war ich (P.F.) als gelegentlicher SPIEGEL-Leser furchtbar irritiert durch Nachrichten über die katastrophalen Zustände in der chinesischen Heilkräuter- und Teeproduktion. Als leidenschaftlicher Pu-erh-Tee-Trinker suchte ich (der ich ansonsten das Leben nicht so wichtig nehme) flugs ein Tee-Fachgeschäft auf, um mich beraten zu lassen. Nun trinke ich afrikanischen Rotbusch-Tee – auf Widerruf bis zu einer weiteren Dämonisierung.[35] Wir wählen also eine ähnliche Methode wie für den dicplacement-Begriff (Fuchs 1993) oder wie bei der Analyse von Intimsystemen (Fuchs 1999b).[36] Siehe zu einem Gedächtnisbegriff, der so zu formulieren gestattet, Luhmann 1996. Zur fungierenden Ontologie siehe auch Fuchs 1999a.[37] Sie fällt unter die Kontexte, die bei jeder Kommunikation nicht ausgesprochen werden müssen und dürfen, ohne die aber kein Verstehen möglich wäre. Siehe dazu Schneider 1991:21ff. et passim. Dies ist natürlich der Ansatzpunkt jeder Hermeneutik überhaupt.[38] Das zeigt sich auch sehr deutlich daran, dass der burden of proof nicht mehr auf der Seite dessen liegt, der Beratung in Anspruch nimmt, sondern auf der Seite dessen, der meint, sie nicht zu benötigen. Dieses Moment gehört wie die typischen Adressen- und Attributionskonstrukte zum Skript der Beratung, von dem man sprechen kann, sobald das Schema Rat/Tat mit bestimmten sozialen Konditionierungen angereichert oder aufgefüllt wird. Vgl. für eine knappe Analyse dieses Skripts der Beratung Mahler 1999.[39] Vgl. zum Begriff Fuchs 1997.[40] Worte wie Politikberatung sind zutiefst unscharf, wie immer mit dieser Unschärfe sich auch Ressourcen freiziehen lassen.[41] Wir spielen hier mit der Figur der bestimmten Negation bei Hegel.[42] Hier wie bei Intervention geht es um kleinzeitige, lokale und betreffbare Beobachter. Jede Dehnung des Zeitrahmens erodiert das Schema der Nicht-Gleichgültigkeit. Ein ultimates Ereignis wie der Sonnentod katapultiert jedes Ereignis in die Zone der Indifferenz. So jedenfalls Lyotard 1988, S.28.[43] Dies gilt, wie schnell zu sehen ist, ähnlich auch für das Schema der Erziehung.[44] Am Rande wollen wir nur miterwähnen, dass diese Freiheitsunterstellung im Blick auf den Beratenden selbstverständlich ist. Seine Freiheit ist nicht disponibel, denn anderenfalls könnte sein Verhalten ihm nicht als Handlung, vor allem aber nicht als Steuerung oder Lenkung zugerechnet werden. Seine Leistung oder Arbeit wäre im selben Augenblick sozial disqualifiziert – und die Beratung entzaubert. Der Beratene sieht sich hingegen einem paradoxen Zwang zur Freiheit ausgesetzt. Er muss frei sein, ob er will oder nicht. Seine (Handlungs-)Autonomie wird sogar zunehmend normativ gefordert. Vgl. Mahler 1999.[45] Das ist etwas merkwürdig formuliert, aber es wird selten mitbedacht, dass die vormoderne Gesellschaft wie jede andere Unsicherheiten bietet, nur mit diesen Unsicherheiten anders umgeht, sie unter Schicksal verbucht, als Möglichkeit von Jenseitsgewinnen behandelt oder einfach nur (grandios) beklagt.[46] Siehe für das Argument noch einmal den Aufsatz über Unternehmensberatung in Luhmann/Fuchs 1989.[47] Ein Langzeit-Beobachter könnte vielleicht sogar die These wagen, dass die Zahl der Ehescheidungen steigt, seitdem es Eheberatungen gibt. Damit ist ja noch nichts über Kausalitäten gesagt. Vielleicht liesse sich auch zeigen, dass die Zahl der Unternehmenszusammenbrüche ansteigt, seitdem sich Unternehmensberater um Unternehmen kümmern.[48] Wir sehen im Augenblick davon ab, dass auch jede faktische Welt an Beobachtern hängt, die sinnförmig operieren, denen also keine Wahl bleibt, als Realität und Virtualität beobachtungstechnisch auseinanderzuhalten und zu kombinieren.[49] Die Rede vom Massenphänomen Beratung geht von Gewichtungen und Konstellationen aus, die sich kaum empirisch nachweisen lassen. Sowenig wie eine mögliche Welt untersucht werden kann, sowenig lassen sich auch vergangene (vorübergezogene) Gesellschaften mit der gegenwärtigen Gesellschaft vergleichen.[50] Struktur und Prozess sind die Begriffe, die die Systemtheorie im Blick auf genau dieses Problem offeriert. Vgl. dazu etwa das Kapitel über Struktur und Ereignis in Luhmann 1984.[51] Und Rekursivität ist unverzichtbar, weil solche Systeme nur sich selbst haben und also auch nur immer auf den eigenen Ereignissen arbeiten können.[52] Wenn Filme zu schnell laufen, verliert sich jegliche Verstehens-, also Anschlussmöglichkeit. Halte ich zum Beispiel mein Videogerät dazu an, einen rasenden Vorlauf zu produzieren, muss ich den Kindern eigens erklären, warum ich bestimmte Szenen so schnell vorüberdudeln lasse, dass sie nicht mehr mitkriegen, worum es eigentlich geht.[53] Da Prozesse spezifische Strukturen oder Irritabilitäten sind, sprechen wir im weiteren nur noch von Strukturen.[54] Im Ablauf eines Lebens kann sich der Übergang vom Industriezeitalter zum Atomzeitalter und zum Informationszeitalter vollziehen, kann der Aufbau einer demokratischen Republik, deren Demontage, die Installation eines totalitären Systems, sein Zusammenbruch und die Re-Demokratisierung stattgefunden haben etc. pp. Das schließt mit ein, dass es auch verdeckte, lang wirkende Strukturen und Prozesse gibt, denn die Differenz zwischen einem schnellen und langsamen Auf- und Abbau ist jederzeit beobachtbar. Siehe zum Gedanken der langen Wirksamkeit Braudel 1958. Vermutlich bemerken wir langfristige Strukturen erst dann, wenn sie sich verändern, und ewige Strukturen gar nicht.[55] Siehe grundsätzlich Luhmann 1996. Uns ist wichtig, dass wir hier wie immer vom Beobachter und seinen Unterscheidungen sprechen und keinesfalls von einer sich tatsächlich ultraschnell verändernden Welt. Wir haben es nur mit entsprechend konditionierten Beobachtungen zu tun, und dies ist das eigentlich Moderne.[56] Hier sind beide Genitivbedeutungen impliziert.[57] In gewisser Weise beobachten dabei die Massenmedien die temporalen Muster, die sie erzeugen, noch eimal – im selben Muster der Beschleunigung.[58] Siehe dazu vor allem die Beiträge Luhmanns in: Luhmann/Schorr 1990. Man denke etwa daran, dass Anfang und Ende des individuellen (menschlichen) Lebens, aber auch Anfang und Ende des Kosmos nur noch von Beobachtern konstruiert werden können. Besonders instruktiv ist hier, dass Beratung selbst in das Anfang/Ende-Problem verwickelt ist – auf das Entschiedenste.[59] Sicherheitshalber: In jeder konkreten Anwendung des Schemas wird nolens volens die gesellschaftliche Funktion verdeckt. Was der involvierte Beobachter mit Hochevidenz sieht, das sind Beratende und Beratene. Uns interessiert aber der massenhaft anfallende Bedarf für Beratung selbst.[60] Ein Indiz für die Hysteresis-Funktion der Beratung findet sich darin, dass das Schema der Beratung typisch mit Wissenschaft kombiniert ist. Seit einiger Zeit wird dabei auch Systemtheorie in teils inflationierender, teils ungedeckter Form genutzt (vgl. für einen Überblick und kritsch Hollstein-Brinkmann 1993, 151ff). Auch dann, wenn Strategien alter oder neuer Weisheitslehren eingesetzt werden (und zum Beispiel Nicht-Handlung empfohlen wird als ultima ratio einer glückenden Lebensführung), gibt sich das Beraten selbst: wissenschaftlich. Es profitiert jedenfalls von Wissenschaft (bzw. ihrer Simulation). Beratungskommunikation steht fraglos in einer „Juxtaposition von Alltag und Wissenschaft“ (Knauth/Wolf 1989, 332f.).