„1) Übernimmt der Begriff der konditionierten Koproduktion die Theoriestelle, an der vorher der Autopoiesisbegriff stand oder braucht die Theorie beide Begriffe?

2)  So wie Du Autopoiesis beschreibst, frage ich mich, wie man den Unterschied zwischen dem Begriff der Zeit und dem der Autopoiesis dann noch fassen kann. Ist Autopoiesis dann eine Zeitform und wenn ja, wie würdest Du sie als Differenzenbegriff fassen?“

Lieber Alexander,

Autopoiesis ist für mich (ähnlich wie die différance bei Derrida oder wie das Unjekt bei mir) eigentlich kein Begriff, sondern eine ‚paradigmatische Metapher‘. Wenn Du über die Autopoiesis der Organisation sprichst, erhältst Du keine Informationen. Es muss etwas geschehen, damit es zu einer ‚Erscheinung‘ kommt, zu einer Phänomenalisierung. Luhmann würde hier die Lehre von der Erscheinung der Differenz einsetzen. Man muss also springen und landet dann bei dem, worauf Du anspielst.

„Konditionierte Koproduktion“

Ich nenne erst einmal das Paradebeispiel für ‚konditionierte Koproduktion‘: Soziale und psychische Systeme, die sich reziprok und in einer Art Gleichzeitigkeit herstellen, obwohl sie verschiedene Operationen nutzen – Kommunikation und Kognition. Beide Operationstypen werden als ereignishaft aufgefasst, aber sind in dieser Hinsicht nicht beobachtbar, also auch nicht strukturfähig.

„ = Ereignis/Element.“

Ja, genau das ist jetzt sehr wichtig. Es muss zu einer Transformation kommen, die Ereignisse gleichsam in die Sichtbarkeit befördert. Das geschieht durch ‚Elementarisierung‘, durch die Erzeugung von unterscheidbaren Elementen. Das einfachste Beispiel ist das Ausflaggen von Kommunikation als Handlung.

„Könnte man das so sagen? Der Begriff der konditionierten Koproduktion würde in dieser Form für mich dann sehr viel Ähnlichkeit mit dem Begriff der Relation erhalten.“

Der Punkt ist, dass Elemente es erst ermöglichen, Relationen und Relationierungen von Relationen auszutreiben, die dann ihrerseits die Elemente so ‚zeitpunktfixieren‘, dass sie referierbar, erinnerbar, handhabbar werden. Bei unseren Thema wären die entscheidenden Elemente: Entscheidungen. Hier käme dann auch strukturelle Koppelung ins Spiel. Gekoppelt werden Elemente.

„Mir fällt auf, wie oft Du in dieser Passage das Wort ‚Phänomen‘ gebraucht hast. Meinst Du, dass das Phänomen der Organisation ‚vorgängig‘ da ist und dann bestimmten Bedingungen unterworfen wird?“

„Nein, vielleicht sollte ich hier eher den Begriff wechseln und die obige Unterscheidung Ereignis/Element verwenden. Da wo in meinem Text Phänomen steht ist dann „Ereignis“ gemeint und „Organisation“ ist dann eher schon auf der Ebene der Elemente angesiedelt. Organisation ist damit dann eher eine, tja und jetzt wird es wieder schwierig, „Elementefolge“, welcher Ereignisse zu neuen Elementen machen kann“

Ich würde einen Umtausch vorschlagen: Das ‚Phänomen‘ ist das Element (also Erscheinung). Einfaches Beispiel: Jemand ist Mitglied einer Organisation, er wird gebeten, am späten Nachmittag zu einer Mietarbeiterbesprechung zu kommen, die ihn betrifft. Der Betriebsrat wohnt dieser Besprechung bei. Es geht um die Kündigung des Mitarbeiters … usw. Dies alles geschieht. Es ist: Organisation. Es ist offensichtlich. Wissenschaftliche Beobachter wie wir können dann wissen, dass in diesem Geschehen in jedem Moment ein Ununterschiedenes, eine Ununterscheidbarkeit ‚mitspielt‘. Sie beobachten dann das Unbeobachtbare, die ‚Folgezeit‘, referieren also Autopoiesis, auf die man aber nur referieren kann, wenn sie in Elemente zerlegt ist. Ich sagte ja schon, dass eine Entscheidung Entscheidung ist, wenn sie als bindend aufgefasst oder bestritten wird. Wenn das in der Organisation mitbeobachtet wird, hätten wir es eigentlich schon mit der Führung der zweiten Ordnung zu tun. Da wollen wir ja hin.

„Was Deine Abbildung angeht, so muss ich gestehen, dass mir diese Abbildung an dieser Stelle zu voraussetzungsvoll ist. Könntest Du da etwas mehr zu den Hintergründen sagen? Wie entsteht z.B. eine Asymmetrierung der Autopoiesis durch dieses Schema?“

Ich möchte mit dieser Skizze nicht schon Erklärungen liefern, sondern zeigen, wie Luhmann arbeitet. Man muss ja nur auf die Vertikale der Autopoiesis achten und auf die beidseits herausspringenden ‚Zweige‘, die sich auf Organisationen unterschiedlicher Zeitform beziehen. Die Autopoiesis steckt etwa in dem Ausdruck ‚dynamische Stabilität‘. Will ich sie beschreiben, muss ich eine Erzählung anfertigen darüber, wie die Paradoxie entparadoxiert wird und welche funktionalen Äquivalente gefunden werden können.

Aber das wollte ich nur andeuten. Wenn dann auch gegrübelt wird, ist mir das gerade recht.

Herzliche Grüße

Peter