Peter Fuchs

Was fangen wir nur mit Kultur an?

Ausdrücke wie ‚Kultur, Kulturen, Interkulturalität, kulturelle Veranstaltung, Unternehmenskultur etc.‘ sind für mich zutiefst unscharf. Fragt man Leute, wie sie sich das vorstellen, was ‚Kultur‘ heißt, wird typisch nicht mit einem Begriff geantwortet, sondern mit Erzählungen, fast immer mit der Implikation, Kultur sei etwas Gutes und Wichtiges. Man könnte in Wittgensteinscher Manier Leute fragen, was Kultur denn nicht sei, woran man also bemerken würde, dass etwas nicht zur Kultur gehöre. Wahrscheinlich ließen sich ganz ähnliche Erwiderungen hören: Unkultur ist nicht Kultur.

Demnach hätten Hooligans, terroristische Vereinigungen, Wutbürger, Fisch-mit-Messer-Esser … keine Kultur. Sie ist etwas, das man haben kann oder nicht. Ein bisschen ‚Kultur‘ klingt sonderbar. Wenn das triftig ist, dann wäre Kultur ein System mit eindeutiger Grenze: kulturell sein oder nicht kulturell sein – tertium non datur.

Nun ist es aber so, dass eine eineindeutige Grenze nicht ermittelbar ist, weil man (offenbar auch empirisch) nicht wissen kann, welche Operation Kultursystem(e) definiert. Wie sollte man sie nennen? Kultivieren, kulturen, kultirieren – fast hätte ich gesagt: tirilieren?

Wenn man das Phänomen nicht bestimmen kann, über das man redet, empfiehlt sich mitunter, nach der Funktion des entsprechenden Ausdrucks zu fahnden. Wann wird er wie und aus welchen Gründen eingesetzt? Welche Probleme kann man konstruieren, als dessen Lösung der Einsatz des Symbols ‚Kultur‘ aufzufassen wäre?

Der Joker, der üblicherweise heuristisch konsultiert wird, ist die Annahme, dass ein Phänomen, das sich begrifflich nicht greifen lässt, ein Problem invisibilisiert, es latent hält, cachiert. Anders gesagt: Diese Verdeckung wäre schon die Funktion der Kultur. Die Schwierigkeit ist, dass man damit noch nicht das Verdeckte aufgedeckt hätte, es sei denn, man versteigt sich in den Zonen absoluter Selbstreferenz: Die Funktion der Kultur sei es, sich selbst für sich selbst hinter dem Berge zu halten, sich selbst für sich selbst ‚weg zu machen‘ – eine raffinierte Lösung, die aber ein weiteres Problem offeriert: Was lässt sich als Funktion dieser Selbstextirpation rekonstruieren?

Es wird gut sein, in dieser Lage trockener zu denken:

„Die Themen werden nicht jeweils fallweise neu geschaffen, sind aber andererseits auch nicht durch die Sprache, etwa als Wortschatz, in ausreichender Prägnanz vorgegeben (denn die Sprache behandelt alle Worte gleich und disponiert noch nicht über die Themafähigkeit in kommunikativen Prozessen). Es wird demnach ein dazwischenliegendes, Interaktion und Sprache vermittelndes Erfordernis geben – eine Art Vorrat möglicher Themen, die für rasche und rasch verständliche Aufnahme in konreten kommunikativen Prozessen zur Verfügung stehen. Wir nennen diesen Themenvorrat Kultur und, wenn er eigens für Kommunikationsprozesse aufbewahrt wird, Semantik. Ernsthafte, bewahrenswerte Semantik ist mithin ein Teil der Kultur, nämlich das, was uns die Begriffs- und Ideengeschichte überliefert. Kultur ist kein notwendig normativer Sinngehalt, wohl aber eine Sinnfestlegung …, die es ermöglicht, in themenbezogener Kommunikation passende und nichtpassende Beiträge … zu unterscheiden.“ (Luhmann 1984, S.224)

Damit wird ‚Kultur‘ kühl bestimmt. Man muss nicht mehr groß bramarbasieren. Es geht um nichts als einen „Themenvorrat“. Und warum muss das camoufliert werden? Dirk Baecker formuliert:

Kultur wird durch “ … einen ganz besonderen Typ von Beobachtung realisiert […], nämlich die Beobachtung von Sachverhalten als Unterscheidungen und die Beobachtung dieser Unterscheidungen auf ihre Form hin. Kultur ist […] der universell gewordene dritte Wert, das tertium datur als Einspruch gegen alles, was die Gesellschaft in die Form des Entweder-Oder zu bringen glaubt. […] Kultur ist zwangsläufig ästhetisch, wenn man unter Ästhetik mit Sören Kierkegaard die Etablierung einer Indifferenz zwischen Entweder und Oder versteht.“ (Wozu Kultur? 2., erweiterte Aufl. Berlin 2001, S.105/106.)

Es ist diese Indifferenz, die – um ein wenig zu erweitern – eine generalisierte Rolle in der Moderne spielt. Invisibilisiert wird das Dazwischen des Entweder/Oder. Damit kann man etwas anfangen. Dazu passt (einfach, weil’s schön ist):

Ulrich denkt: „’Es ist eine nicht zu übersehende Eigentümlichkeit der europäischen Kultur, daß in ihr alle naslang die ‚Welt des Inneren‘ für das Schönste und Tiefste erklärt wird, was das Leben birgt, desungeachtet diese innere Welt aber doch bloß als ein Anbau der äußeren behandelt wird. Und es ist geradezu das Bilanzgeheimnis dieser Kultur, wie das gemacht wird, wenn es ein öffentliches Geheimnis ist: Man stellt die äußere Welt und die ‚Persönlichkeit‘ einander gegenüber; man nimmt an, daß die äußere Welt in einer Person innere Vorgänge erregt, die sie befähigen müssen, zweckentsprechend zu erwidern; und indem man in Gedanken diese Bahn herstellt, die von einer Veränderung der Welt durch die Veränderung einer Person wieder auf eine Veränderung der Welt führt, gewinnt man jene eigentümliche Zweideutigkeit, die es uns gestattet, die Welt des Innern als den eigentlichen menschlichen Hohheitsbereich zu ehren, und doch von ihr vorauszusetzen, daß alles, was in ihr vorgeht, zuletzt die Aufgabe habe, wieder in eine ordentliche Wirkung nach außen zu münden.’“ (Musil, R., Der Mann ohne Eigenschaften (hrsg. von Adolf Frisé), Bd. II, Aus dem Nachlaß, Hamburg 1994, S.1200).